KKV Wiesbaden auf Studienreise in der Picardie/Nordfrankreich 2005
Reiseberichte
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Die 12. KKV - Studienreise nach Frankreich führte vom 01.-08. September 2005 in die Picardie im Norden von Frankreich. Der Norden Frankreichs, von Touristen verhältnismäßig wenig besucht, wird von den Provinzen Picardie, Flandern und Artois gebildet. Die Landschaft hat den Charakter der Tiefebene, von Kanälen und Wasserläufen durchzogen.
Es kommen jetzt immer mehr Menschen in die Picardie, in der die schönsten Kathedralen der Gotik scheinbar schwerelos in den Himmel ragen, wo Königsschlösser und Fürstenpaläste von der geschichtsträchtigen Vergangenheit künden und Burgen von der Wehrhaftigkeit der Bewohner. Die Vielfalt gotischer Baukunst, die sich insbesondere in der Picardie mit ihren Kathedralen offenbart, macht den Norden für den Reisenden reizvoll. Diese Region war eine gute Ergänzung zu unseren bisherigen Frankreichreisen. Die Ober-Picardie kam 1186 und 1213, die Nieder-Picardie 1369 an die französische Krone, der sie nur vorübergehend (1435 - 1477) durch Burgund entrissen wurden.
Wir fuhren am ersten Tag von Wiesbaden über Metz, Verdun, Reims nach Laon. In der Römerzeit hatte die Stadt den Namen "Laudunum". Es gibt eine Ober- und eine Unterstadt. Die großartige Kathedrale "Notre-Dame de Laon" war unser Besichtigungsziel. Die Kathedrale mit den 5 Türmen wurde in nur 80 Jahren fertig gestellt und zählt zu den schönsten Kirchen der Frühgotik in Frankreich. Der Grundstein wurde im Jahre 1155 gelegt.
Und man ist verblüfft, an den Turmecken Ochsen zu erblicken, jeder in eine andere Himmelsrichtung spähend. Sie zählen zu den schönsten Tierskulpturen des 12. Jahrhunderts. Die Fassade mit 3 tiefen, reich verzierten Portalen befindet sich zwischen zwei 56 m hohen Türmen. Auch der 24 m hohe Innenraum besitzt mit dem Domschatz, alten Glasmalereien und einem Chorgitter aus dem 18. Jahrhundert viel Reiz.
Beeindruckt von dieser wunderbaren Kathedrale fuhr unser Bus weiter nach Amiens. Dort war unser Standorthotel "Grand Hotel d'Univers" (Best Western, 3 Sterne) für 7 Nächte mit Halbpension. Das Frühstück und das Abendessen war an allen Tagen sehr gut.
Am zweiten Tag (2.9.05) ging unsere Fahrt nach Abbeville, St. Riquier und Montreuil-sur- Mer. Wenn im 12. Jh. im Gebiet des heutigen Frankreichs, Belgiens und der Niederlande die Rede von der "Stadt der Tuchweber" war, wusste ein jeder, welche Stadt gemeint war: Abbeville. Schon 1130 bekam die Gemeinde Stadtrechte. Die Könige von Frankreich begünstigten diese Grenzstadt, die damals der einzige Hafen des Königreiches am Ärmelkanal war. Ludwig XIII. legte hier 1637 das feierliche Gelöbnis ab, sein Königreich der Jungfrau Maria zu weihen. Von Ludwig XIV. und Colbert gefördert, gründete der Tuchfabrikant aus Middelburg mit 50 Webern, Stoffdruckern und Helfern die "Manufacture Royale de draps fins facon Hollande". Nach Beginn des so genannten Frankreichfeldzugs im Jahre 1940 wurde die Stadt von der deutschen Luftwaffe in Schutt und Asche gelegt. Gott sei Dank blieb die Kirche (Kollegiatkirche Saint-Vulfran), die zu den schönsten der Hochgotik in Nordfrankreich gehört, trotz starker Schäden erhalten. Wegen Bauarbeiten konnten wir leider diese Kirche nicht im Inneren besichtigen. Der Bau des Gotteshauses wurde 1488 begonnen, Fassade, Schiff und Türme wurden bis 1539 fertig gestellt. In Abbeville gibt es auch noch ein Lustschloss "Folie de Bagatelle" aus dem 18. Jh. Leider war das Schloss und der Park nicht geöffnet.
Von hier ging unsere Fahrt weiter nach St. Riquier. Der Ort bewahrte die Kirche seiner im Mittelalter bedeutenden Abtei, einen bedeutenden spätgotischen Bau mit reichem Portal, unvollendetem Turm und sehenswertem Innern. Wir besichtigten die Kirche und machten kurz Rast.
Unser nächstes Ziel war Montreuil sur Mer. Dort legten wir auch unsere Mittagspause ein. Der Ort besitzt durch Vauban im 17. Jh. erbaute Befestigungswälle mit einer etwas älteren Zitadelle. Wir unternahmen einen kleinen Rundgang durch den Ort und besichtigten die Kirche Saint Saulve. Sie ist eine der schönsten gotischen Sakralbauten des Pas - de - Calais.
Montreuil - sur - Mer ist ein netter mit Blumen reich geschmückter Ort, der uns gut gefallen hat. Auf der Rückfahrt fuhren wir nochmals durch Abbeville nach Amiens.
Am dritten Tag (3.9.05) fuhren wir nach Beauvais und Senlis. In Beauvais erwartete uns die Stadtführerin, die uns in über 2 Stunden die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zeigte. Diese Stadt ist jung geblieben, obwohl sie zum ältesten gehört, was in der Picardie zu bewundern ist. Ihre Geschichte beginnt nicht mit den alten Römern, sondern mit den Bellovakern in neolithischer Zeit, als die Kelten noch das alleinige Sagen hatten. Im ersten Jh. n. Chr. erhielt Beauvais den schönen Namen Caisaromagus, Cäsars Markt, und gedieh prächtig. Schon im 4. Jh. wurde Beauvais Bischofsstadt, im 5. Jh. fielen die Franken ein, im 9. Jh. brandschatzten die nächsten Eroberer die Stadt, die Normannen. Noch einmal historisch im Mittelpunkt stand Beauvais als Gründungsort der (katholischen) Liga gegen die Hugenotten im Jahre 1589.
Doch zur abendländlichen Berühmtheit brachte es die knapp 60.000 Einwohner zählende Kommune zu Zeiten der Gotik. 1225 beschlossen der Bischof und seine Untergebenen, in Beauvais die gigantischste Kirche der Christenheit zu bauen - größer als der Petersdom in Rom, höher als die Kathedrale von Chartres und die geplante Kirche von Amiens. Der Bau kam jedoch nicht zu vollständigen Ausführung. Nur Chor und Querschiff sind entstanden, diese jedoch von beeindruckender räumlicher und künstlerischer Größe. Selbst jetzt ist sie mit 68 m der höchste Kathedralbau Frankreichs. An die Kathedrale schließt sich das Langschiff der karolingischen Kathedrale an. Auch die Kirche Saint - Etienne, romanisch und spätgotisch, verdient Beachtung und wurde von uns besichtigt. Bei der Stadtführung bewunderten wir auch das schöne Rathaus.
Nach einer Mittagspause in Beauvais fuhren wir nach Senlis. Noch eine Stadt der Könige in der Picardie. Die Stadt hat nur 15000 Einwohner, aber mit grandiosen Bauwerken und einer 2000 Jahre währenden Geschichte. Augustomagus hieß Senlis in der Zeit der römischen Besatzung, Markt des Augustus. Zu den Sehenswürdigkeiten gehört die Kathedrale "Notre - Dame de Senlis", das Königsschloss sowie die Altstadt. Nachdem die Stadt in der zweiten Hälfte des 3. Jh. mehrfach erobert und zerstört wurde, bauten die Bürger eine 840 m lange Stadtmauer in elliptischer Form, die alle 30 m ein Verteidigungsturm bewachte. Gerade wegen der Wehrhaftigkeit wurde das idyllisch gelegene Senlis im 9. Jh. Königsitz. Karl der Kahle verbrachte im königlichen Schloss fast immer die Weihnachtsfeiertage. Ludwig V. starb in Senlis und Hugo Capet wurde hier zum französischen König gewählt.
Wir besichtigten die Stadt. Die Kathedrale "Notre - Dame de Senlis" (12. u. 16. Jh.) gehört zu den wenigen gotischen Kathedralen erster Güte und weist die erste Darstellung der Krönung Marias (Himmelfahrt) auf. Der Turm ist 78 m hoch. Baubeginn war 1150. Die Kathedrale wurde in allen Stilarten der Gotik erbaut. Bei der Besichtigung des Gotteshauses konnten wir auch eine Hochzeit mit erleben. Am Westportal der Kathedrale ist die berühmte Marienstatue.
Das Mittelportal ist das erste Frankreichs, das ganz der Muttergottes galt. Die Altstadt von Senlis hat besonders gefallen. Mit schönen Eindrücken dieser Tagesfahrt kehrten wir nach Amiens zurück. Hier wartete wieder ein köstliches Abendessen auf uns.
Am vierten Tag (4.9.05) besuchten wir zunächst den Sonntagsgottesdienst in der Kathedrale von Amiens. Die Heilige Messe feierten wir beim Chorgestühl am Hauptaltar. Anschließend fuhren wir nach Arras. Die Stadt hat ca. 55000 Einwohner und ist Bischofssitz. Ihren Ruf erhielt die Stadt durch die hier hergestellten Gobelins. Im Ersten Weltkrieg fanden hier harte Kämpfe statt. Das 1914 zerstörte Rathaus des 15./16. Jh. mit seinem 75 m hohen wurde restauriert. Die Kathedrale ist klassizistisch. Arras weist mit Grand - Place und Place des Héros ausgesprochen flämischen Charakter auf. Hier machten wir die Mittagspause.
Von hier ging es weiter nach Bavay. Dort besichtigten wir die seit 1942 ausgegrabenen Reste der römischen Stadt "Bagacum" aus der Mitte des 2. Jh. v. Chr. sowie das Museum.
Der fünfte Tag (5.9.05) war für die Stadtführung ( 2 Stunden) in Amiens vorgesehen. Der Nachmittag stand allen Teilnehmern zur freien Verfügung in Amiens. Für den Busfaher, Herrn Bradatsch, der uns immer sicher und gut fuhr, war es zugleich der vorgeschriebene Ruhetag. Zunächst besichtigten wir mit der Stadtführerin, Frau Barbara Legrand die großartige Kathedrale "Notre - Dame d'Amiens". Wenn ein historisches Monument in der Masse der kulturellen Sehenswürdigkeiten der Picardie eine erhabene Stellung verdient, dann ist es diese Kathedrale. Mit 145 m Länge und 200000 Raummetern ist sie die größte gotische Kirche Frankreichs und der Welt, doppelt so groß wie Notre - Dame in Paris. Sie steht auf einem Grundriss von fast 8000 qm, nur knapp 3000 weniger als der Petersdom in Rom. Für Amiens gilt der Satz Auguste Rodins: "Die Kathedrale ist die Synthese Frankreichs". Im Inneren ist besonders das wunderbare Chorgestühl zu beachten. Die Gewölbe steigen auf 42 m Höhe in den Himmel und wirken auf den Betrachter, als zögen sie die Kirche nach oben und trügen nicht ihre Last. Der weinende Engel in der Kathedrale ist berühmt geworden.
An der Außenfassade befinden sich 3000 Figuren. Die Kathedrale gehört zu den 50 Bauwerken weltweit, die von der UNESCO mit dem Ehrentitel "Weltkulturerbe" bedacht sind. In den Sommermonaten wird abends die Fassade der Kathedrale mit Laserstrahlen in den bunten Farben wie im Mittelalter angestrahlt. Dazu wird Musik vom Mittelalter gespielt und die nötige Erklärung gegeben. Dies konnten wir an zwei Abenden mit erleben. Das Rathaus in Amiens ist aus dem 17.-20. Jahrhundert. Die Textilindustrie von Amiens ist altberühmt. Mittelpunkt des Verkehrs ist die Place Gambetta. Viele Reiseteilnehmer nahmen die Gelegenheit wahr zu einer Bootsfahrt bei den "Schwimmenden Gärten" von Amiens. Der Nachmittag wurde zur Erkundung der Stadt genutzt.
Am sechsten Tag (6.9.05) führte uns der Weg an den Atlantik. Unser erstes Ziel war Le Touguet, ein eleganter Badeort vom 19. Jh. Wir machten einen kurzen Aufenthalt zum Spaziergang am Atlantik und fuhren dann weiter nach Boulogne - sur Mer. Die Stadt hat ca. 50000 Einwohner. Boulogne - sur Mer liegt am Ärmelkanal und ist Frankreichs wichtigster Fischerhaften aber auch sonst als Hafenstadt mit Überseeverkehr wichtig. Die Kriegsschäden wurden beseitigt. Markant ist die Oberstadt mit ihrer durch 4 Tore unterbrochenem, mit Türmen bestückten Wehrmauer. Der Bus brachte uns zur Oberstadt.
Dort hatten die Teilnehmer Gelegenheit zum Stadtrundgang und zum Mittagessen. Das Rathaus ist vom 17. Jh. Die Basilika Notre - Dame konnten wir noch gemeinsam vor der Mittagspause besichtigen.
Am Nachmittag besuchten wir dann Calais gegenüber dem englischen Dover an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals gelegen. Es hat ca. 75000 Einwohner und ist wichtigster Fährhafen. Zunächst fuhren wir zum Place du Soldat - Inconnu mit dem Denkmal der "Bürger von Calais", einem Werk Rodins von 1895, das an die 200Jahre dauernden Kämpfe gegen die Engländer erinnert. Großartig ist das Rathaus mit den wunderbaren Blumenanlagen davor.
Im Rathaus von Calais konnten wir auch das Hochzeitszimmer von General De Gaule sehen. Vor der Weiterfahrt gaben wir den Reiseteilnehmern nochmals Gelegenheit am Hafen den Atlantik zu sehen.
Letztes Tagesziel war St. Omer. Dort besichtigten wir die Kirche Nortre - Dame aus dem 13.-15. Jahrhundert. Der Glockenturm ist 50 m hoch. Das Südportal ist beachtenswert. St. Omer liegt zwischen Calais und Lille. Von hier ging es dann wieder zurück nach Amiens.
Der siebte Tag (7.9.05) führte uns nach Compiègne, Soissons und Noyon. Zunächst fand in Compiègne eine Stadtführung zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Wir trafen unsere Stadtführerin am Schloss. Compiègne ist eine reiche Kunststadt mit bedeutendem historischen Kolorit. Compiègne ist die Stadt der französischen Könige und Kaiser. Als einzige Kommune in Frankreich beherbergt sie vier königliche Familien und die kaiserliche in ihren Mauern: die Merowinger Dagbert, Clodwig III. und Childebert III., die Karolinger Pippin der Kurze, Ludwig der Fromme und Karl der Kahle, die Kapetinger Ludwig XII. und Philippe-August. Der Sonnenkönig Ludwig XIV. und Ludwig XV. hielten sich in Compiègne sehr oft zur Jagd auf. Unter Napoléon wurde das Königsschloss umgebaut zum standesgemäßen Aufenthalt des Kaisers und seiner Gemahlin Marie-Louise. Seine Glanzzeit aber hatte "Le Chateau de Compiègne" unter Napoléon III. Es war dessen Lieblingsresidenz. In Compiègne wurde Jeann d'Arc 1430 von den Burgundern gefangengenommen und den Briten ausgeliefert. Die Stadt hat uns besonders gut gefallen. Sehr schön waren auch hier die prächtigen Blumenanlagen.Besonders schön ist auch das historische Rathaus von Compiègne.
Von hier ging es zunächst nach Soissons. Es liegt nordöstlich von Paris und weist Reste bedeutender Abteien und die Kathedrale St.Gervais et St.-Protais aus dem 13. Jh. auf (alter Bischofssitz). In Soissons machten wir die Mittagspause und danach besichtigten wir die Kathedrale. Höhepunkt des Baus ist die Rose mit Glasmalereien des 15. Jh. am nördlichen Querschiff. Auch das südliche Querschiff verdient Beachtung. Ein Langschiff von grandios-einfacher Harmonie, bei dessen Anblick der Bildhauer Auguste Rodin in fassungsloser Bewunderung ausrief: "In dieser Kathedrale gibt es keine Zeit,hier herrscht nur Ewigkeit".
Unser letztes Tagesziel war Noyon. Es liegt nordöstlich von Paris, Bischofssitz seit dem 6. Jahrhundert und durch Backsteinhäuser geprägt. Wir besichtigten die wuchtige gotische Kathedrale Notre - Dame von der Wende vom 12. zum 13. Jh. (Türme 62 m hoch), in der sich Romanik und Gotik begegnen. Der Kapitelsaal und Kreuzgang des 13. Jh. schließen sich an die Kirche an.
Originell der auf Holzpfählen errichtete Bau der Kapitel-Bibliothek (4000 Bände).In Noyon wurde der Reformator Jean Calvin geboren (1509-64), dem ein Museum gewidmet ist. Von hier ging es zurück nach Amiens zum letzten Abend unserer Reise.
Am achten Tag (8.9.05) nahmen wir von Amiens und der Picardie Abschied und fuhren wieder zurück nach Wiesbaden. Es war wieder eine sehr schöne und gelungene Frankreichreise. Das Reisewetter war gut und so konnten wir mit vielen Reiseerinnerungen heimkehren.
Hartmut Röhrbein, Vorsitzender und Reiseleiter, 27.09.2005


